Geistliche Impulse

Herzenssache

(von Ihrer Vikarin Franziska Geißler)

Liebe Gemeinde,

„Herz und Herz vereint zusammen“, so haben wir vorhin gehört und gemeinsam gesungen. Das Herz als Symbol finden wir in ganz unterschiedlichen Bereichen. Auf Postkarten, als Blumengebinde, als Schmuck, als Dekoration in unterschiedlichen Variationen. Das Symbol des Herzens drückt manchmal etwas aus, wozu uns die Worte fehlen. Es ist ein Erkennungsmerkmal für Freundschaft, Zuneigung und Liebe.

 

Viele von Ihnen kennen sicherlich den Ausspruch: „Wenn einem etwas zu Herzen geht“. Durch das Herz werden Gefühle und Empfindungen ausgedrückt. Gefühle wie Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder Angst aber auch Freude, Lust und Trost gehören ebenso dazu.

 

Wenn wir begreifen, dass das Herz der Ausgangspunkt für alles menschliche Tun ist, dann ist es logisch, dass Gott seine Gebote in unser Herz hineinschreiben will. Denn im Herzen entscheidet sich Wesentliches. Im Herzen werden Entscheidungen getroffen: „Das Herz wird aufgerufen, seinen Herrn zu lieben von ganzem Herzen“, heißt es beim Evangelisten Markus (12, 30 – 31) oder „Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen“, wie im Buch der Sprüche (3, 5) zu lesen ist.

 

Das Herz, ist die Schaltzentrale unseres Denkens, Handelns und Seins.

 

Stellen wir uns einmal vor, unser Herz wäre wie ein großes Wasserfass mit vielen Zuläufen. Im Laufe unseres Lebens fließt da so einiges hinein. Da gibt es Menschen, Erinnerungen, Erfahrungen, Überzeugungen, ja auch Enttäuschungen und Verletzungen... Das alles ist in unserem Herzen.

 

Es gibt über 600 Bibelstellen zum Begriff Herz. Hier sehen wir, wie hochaktuell unsere Bibel ist. Sie redet nicht von irgendetwas außerhalb unseres Lebens, sondern sie redet über das ganz Zentrale, das, was uns als Menschen umtreibt, antreibt und bewegt.

 

Und so heißt im Alten Testament Herz oft auch einfach Leben, die Quelle, woraus unser Vitalität, Energie und Kraft kommt.

 

Und weil es in Bezug auf unsere Beziehung mit Gott ums Ganze geht, geht es bei Gott eben auch um unser Herz:

"Du, Gott, prüfst mein Herz", betet der Psalmist (Ps 17,3).

Und in der Bergpredigt mahnt uns Jesus:

"Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (Mt 6,21), da hängt dein Leben dran, da hängst du dran. Der Reformator Martin Luther ging noch einen Schritt weiter: „Woran du dein Herz hängst, und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott“.

 

Wir sind offenbar Zeit unseres Lebens herausgefordert, uns darum zu sorgen, dass wir das Herz an der rechten Stelle tragen, dass wir unser Herz nicht verlieren, nicht herzlos werden.

 

Gott hat uns geschaffen, damit unser Herz für ihn schlägt, und wir beherzt leben und lieben.

 

Denn Herz haben, heißt Gefühle zeigen.

Das wurde Ihnen vielleicht von Kindesbeinen anders beigebracht:

 

Floskeln, wie ein Mann weint nicht,

man ist in „stiller“ Trauer, wozu diese Stille auch immer nütze sein mag, man ist nicht zu gefühlsbetont, weil das Herz ein schlechter Ratgeber sei.

 

Wie gut, dass das in der Bibel ganz anders ist:

die Bibel ist ein Buch, mit Herzblut geschrieben, wo sich Herz und Schmerz reimen, wo gelebt und gelitten, geliebt und gestritten wird, geweint und getanzt.

 

Herz heißt Gefühl, das was uns im Innersten bewegt und in Bewegung setzt.

 

Herz zu haben, dass, ist Neugier auf Mensch und Gott. Was denkt die andere? Was fühlt er? Was treibt sie um? Woran glaubt er? Jemand mit Herz freut sich mit anderen mit und gönnt ihnen alles, was sie haben.

 

Und Herz haben, heißt auch Mut haben – sich redensartlich ein Herz zu fassen.

Meine Familie und ich sind im letzten Dezember beim Spaziergang mit unserer Hündin auf ein Igeljunges gestoßen, das im Blätterhaufen nach Futter suchte, wo es doch gar kein Futter mehr gab. Beherzt holten wir einen Karton von Zuhause setzten das Igeljunge hinein und nahmen es mit nach Hause. Wo und wie wir den kleinen Igel durch den Winter bringen sollten, - wir wussten zu dieser Zeit ja nicht wirklich viel über Igel – darüber machten wir uns zunächst keine Gedanken. Wir sahen die Not – und handelten.

 

Sicherlich erinnern Sie sich auch an Situationen, wo Sie beherzt und ohne zu viel nachzudenken gehandelt haben.

 

Was man mit Herz tut und was aus dem Herzen kommt, kann gar nicht falsch sein.

 

Liebe Gemeinde,

 

ich wünsche Ihnen und den Menschen, die Ihnen am Herzen liegen, dass sie auf ihr Herz hören, dass sie beherzt leben, dass sie sich herzlich freuen können und ihr Herz am rechten Ort tragen: bei Gott.

 

Amen!

 

 

Zwischen Unglauben und Barmherzigkeit - Gedanken zum Jahreswechsel

(von Ihrer Vikarin Franziska Geißler)

Wir gehen nicht einfach so in ein neues Jahr, ohne uns zu besinnen. Ein Jahreswechsel ist immer ein guter Grund innezuhalten, um die Vergangenheit und die Zukunft zu bedenken und neue Wege einzuschlagen. Es ist immer wieder faszinierend, das Ende eines alten und den Beginn eines neuen Jahres mitzuerleben. Ich lade Sie ein, innezuhalten, und mit mir über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken.

 

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24), so lautete der Bibelspruch der Jahreslosung 2020. Zweifel ist erlaubt! Es ist wichtig, sich und seinen Glauben von Zeit zu Zeit zu hinterfragen. Bin ich auf dem richtigen Weg mit Gott? Was ist, wenn es ihn doch nicht gibt? Oder was ist, wenn es ihn doch gibt? Die Jahreslosung 2020 war eine Einladung, sich mit Glauben und Zweifel ungezwungen und ehrlich auseinanderzusetzen. Gerade das zurückliegende Jahr, war gefühlt voller Momente des Unglaubens. Ein Virus, der über Asien nach Europa kam und sich rasch in der gesamten Welt ausbreitete. Der unsere Gesundheit bedrohte und noch immer bedroht. Lockdown, Teil-Lockdown und Homeschooling sind uns zu vertrauten Begriffen geworden. Mund-Nasen-Bedeckung und Desinfektionsmittel sind unsere ständigen Begleiter. Kommunikation mit anderen Menschen ist nur aus sicherer Distanz möglich. Keine Ostergottesdienste! Und wenn Sonntagsgottesdienste, dann nur mit Hygienekonzept und ganz viel Raum. Einmal mit Gesang, dann wieder ohne, so wie es die aktuellen Infektionszahlen gerade zulassen. Weihnachten! Keine große Feier im Kreise der Familie! Keine Weihnachtsgottesdienste! Keine Krippenspiele! Angesichts dieser nun zurückliegenden Begebenheiten, liegt sie mir förmlich auf den Lippen, die Jahreslosung 2020: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

 

Vertrauen und Zweifel. Zum Glauben gehört immer beides. Wer behauptet, niemals zu zweifeln, wird sich fragen müssen, ob er wirklich glaubt. Und wer voller Zweifel ist, scheint letztlich doch an etwas zu glauben, an dem er zweifeln kann!

Glaube ist gelebtes Vertrauen in Gott. Wenn wir Gott vertrauen und Gott in unserem Leben mit einbeziehen, wird durch ihn alles möglich! Das heißt nicht, dass alles so passiert, wie wir es uns wünschen. Aber mit dem lebendigen Gott an unserer Seite tun sich neue Möglichkeiten auf, die wir vielleicht so bisher noch nicht in Betracht gezogen haben.

“Ich glaube; hilf meinem Unglauben!”, so dürfen wir beten, weil Glaube nicht unsere Leistung ist, sondern Gottes Geschenk an uns.

Auch ich stand schon vor einigen Problemen, die ich selbst nicht lösen konnte. Und ich hatte nicht die geringste Idee, wie Gott sie lösen sollte. Trotzdem habe ich dafür gebetet und Erstaunliches erlebt. Manchmal geschah sofort etwas, manches hat Monate, ja sogar Jahre gedauert. Gott hat seinen eigenen Zeitplan und ist nicht in erster Linie unser Wunscherfüllungsautomat. Aber er ist treu und gut. Wir dürfen ihn ganz konkret um alle Dinge bitten, die wir brauchen und sei es, dass wir mehr Gottvertrauen nötig haben!

 

Ein ungewöhnliches Jahr liegt nun hinter uns. Und noch mehr als zu jedem Jahresbeginn liegt die persönliche und gesellschaftliche Zukunft im Ungewissen. Wir befinden uns in Mitten des zweiten Lockdowns. Unser Leben läuft derzeit so gar nicht in vertrauten Bahnen. Die Covid-19 Pandemie zeigt uns, wie verletzlich unser Leben ist und bleibt. So schauen viele von uns auch mit bangem Blick in das neue Jahr.

 

In diese Situation spricht die biblische Jahreslosung für das Jahr 2021: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Jesus spricht auf einem Feld zu einer großen Menschenmenge. „Und alles Volk suchte ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und heilte sie alle.“(Lk 6,19) Heilung geschieht hier durch die Kraft, die Jesus verströmt. Wo Menschen Gott begegnen und vertrauen, da erfahren sie eine solche heilsame, lebensförderliche Energie Gottes. Wie dringend brauchen wir die, gerade in diesen Zeiten.

Diese Energie ist die Kraft der Liebe: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Die Energie der Barmherzigkeit. Sie kann das Leben verändern. Und das brauchen wir.

Viele Menschen üben gerade in Zeiten der Pandemie Barmherzigkeit, handeln mit offenem Herzen: in der Pflege in Altenheimen und Krankenhäusern. Aber auch indem wir andere schützen, in den Nachbarschaften und Gemeinden spontan und kreativ Hilfen ermöglichen. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Es ist kein moralischer Appell, den Jesus an seine Gemeinde richtet. Er erinnert uns vielmehr daran, dass wir alle immer wieder Barmherzigkeit und Gnade erfahren haben. Aus dieser Kraft leben wir. Weil Gott die Liebe ist.

Und, weil wir Barmherzigkeit zuerst selbst erfahren und Gott liebevoll „Vater“ nennen dürfen, deshalb können wir auch von dieser Kraft weitergeben. Bei all den Herausforderungen, vor die wir im Jahr 2021 gestellt sind, brauchen wir Kraft! Kraft, die heilt! Kraft der Heilung für unser Miteinander! Die Kraft der Barmherzigkeit!

 

Ein gesegnetes Jahr 2021!